23.02.2010: Berliner Zeitung

Lieber riesig, als gar nicht: Trotz Protesten soll Schleuse in Kleinmachnow neu gebaut werden

Immerhin gelang der Sieg auf der Puppenbühne: Dort verhinderte der mutige Kasper, dass 140 schöne alte Bäume gefällt werden, nur damit eine schöne alte Schleuse durch eine neue, viel zu große ersetzt werden kann. Dieser kleine Sieg im Märchen war Teil einer Protestveranstaltung von Umweltschützern am Sonntag in Kleinmachnow
(Potsdam-Mittelmark). Knapp 200 Leute waren gekommen, um noch einmal ihren Unmut gegen den ihrer Meinung nach überdimensionierten Ausbau der Schleuse auszudrücken. Mehr als zehn Jahre währt der Kampf nun - doch ein
Sieg scheint in der Realität kaum noch möglich. Es geht um den 42 Millionen Euro teuren Neubau der Schleuse am Anfang des Teltowkanals. Er wird geplant, seit der Bund 1991 das Verkehrsprojekt "Deutsche Einheit Nr.17" auflegte - also den Ausbau der Kanäle zwischen Magdeburg und Berlin. Der Bund will die denkmalgeschützte Schleuse durch
einen 190 Meter langen Neubau ersetzen. Das Ziel der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung ist klar: Künftig sollen auch 185 Meter lange Schubverbände das "Nadelöhr" Kleinmachnow passieren können. Bislang müssen die langen, zusammengefügten Schubverbände erst auseinander gekoppelt werden, um dann einzeln geschleust werden zu können.

250 Jahre alte Bäume

Die Aktivisten vor Ort sind nicht gegen einen Neubau, aber der soll 115 statt 190 Meter lang werden. "Dann muss auch nicht so viel Ufer abgebaggert werden", sagt Ursula Theiler von der Bürgerinitiative "Pro Kanallandschaft".
Die Umweltschützer kämpfen vor allem um ein Naherholungsgebiet neben der Schleuse. "Dort sollen 140 Bäume gefällt werden", sagt sie. "Der See und die Bäume am Ufer gehören zu einem Landschaftsschutzgebiet." Als besonders
wertvoll gelten 89 Buchen und Eichen, die teilweise 250 Jahre alt sind. "Der Protest kocht jetzt hier noch einmal so richtig hoch", sagt sie. So sprach am Sonntag auch der Bürgermeister von Stahnsdorf auch im Namen seiner
Amtskollegen in Kleinmachnow und Teltow, die dem Projekt ebenfalls wenig abgewinnen können.
"Wir sind nicht gegen eine neue Schleuse, aber gegen eine völlig unnötige Großschleuse für große Rheinschiffe, die hier gar keine Zulassung haben", sagt Winfried Lücking, Leiter des Flussbüros des Bundes für Umwelt und
Naturschutz (BUND). Das Bundesverkehrsministerium prognostiziere selbst, dass der Güterschiffsverkehr bis 2025 in Brandenburg rückläufig sein werde. "Da würde eine 115 Meter lange Schleuse reichen, und es würde viel weniger
Natur zerstört", sagte er. Als Beispiel führt er an, dass im Jahr 2006 gerade einmal 32 Schubverbände die Schleuse passierten, die Höchstzahl nach der Wende wurde 2007 mit 55 Verbänden erreicht. "Das heißt, hier soll massiv
Umwelt zerstört werden, weil einmal pro Woche ein Schubverband vorbei kommt", sagt Lücking. Selbst bei einem massiven Anstieg, also einer Verdopplung, kommen dann pro Woche zwei Verbände. "Bloß damit die nicht
getrennt werden müssen, muss nicht so eine Großschleuse gebaut werden", sagt Lücking.
Am vergangenen Donnerstag votierte der Infrastruktur-Ausschuss des Landtages für den großen Ausbau der Schleuse - mit Stimmen der Linken, die bislang gegen diese Variante kämpfte. "Ich habe dafür Verständnis", sagt die
Linken-Bundestagsabgeordnete Diana Golze. Die Linke im Land habe keine Wahl gehabt. "Das Land kann das Projekt nicht mehr verhindern", sagt sie. Die Linke habe im Bundestag versucht, den Ausbau doch noch einmal zu stoppen,
sei aber nur von den Grünen unterstützt worden. "Wenn die Brandenburger nun auf Total-Opposition gemacht hätten, dann hätte der Bund gesagt: Dann bekommt ihr die vielen Millionen eben nicht, es warten genug andere
Bundesländer auf Geld."
So sieht es auch Jens-Uwe Schade, Sprecher des Potsdamer Infrastrukturministeriums. "Ich habe Verständnis für die Bedenken der Umweltschützer, aber ohne das Geld vom Bund gäbe es keine Chance auf einen notwendigen Ausbau der Schleuse." Und ohne den Ausbau wäre der Teltowkanal in einigen Jahren wohl kaum noch für die Schifffahrt attraktiv.
Der Ausbau sei kein Projekt, das auf wenige Jahre ausgelegt sei - ein solches Bauwerk werde alle 80 Jahre gebaut. "Und wie groß der Güterverkehr auf dem Wasser in 100 Jahren ist, kann niemand vorhersagen." Zudem dürfe niemand
vergessen: Für die alten Bäume würden sehr viele neue gepflanzt, die irgendwann auch wieder sehr wertvoll sein werden.

Jens Blankennagel
Das größere Übel : Textarchiv : Berliner Zeitung Archiv - www.berlinonline.de
24. Februar 2010

19.02.2010: Pressemitteilung
24.02.2010: Pressemitteilung