20.02.2011: Morgenpost

Das Nadelöhr vom Teltowkanal
Eigentlich hat Reinhard Schuster keine Zeit für Gänge vor Gericht oder Gespräche mit Anwälten. Acht Hektar Gewerbe- und Industriefläche sollen demnächst am Hafen Königs Wusterhausen erschlossen werden.
Als Geschäftsführer der Hafengesellschaft Lutra hat er alle Hände voll damit zu tun. 12,5 Millionen Euro will allein die 100-prozentige Gesellschaft der Stadt Königs Wusterhausen dort investieren. "Die Unternehmen, die sich hier ansiedeln möchten, setzen vor allem auf die gute Anbindung des Binnenverkehrs", sagt Schuster. Doch die könne er nicht mehr garantieren, seit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) im November 2010 den Ausbau der Kleinmachnower Schleuse im Teltowkanal stoppte. Dagegen hat Lutra jetzt Klage eingereicht - wie schon die Stadt Königs Wusterhausen und das Infrastrukturministerium des Landes Brandenburg.
DER BUND VERWEIST AUF HOHE KOSTEN
Kurzerhand hatte Ramsauer Ende 2010 das vor neun Jahren bestätigte Planfeststellungsverfahren aufgehoben. Der Ausbau der Schleuse und die damit verbundene Verlängerung der Nordkammer von 82 auf 190 Meter sollten 48 Millionen Euro kosten. Geld, das im Bundeshaushalt fehle, so Ramsauer. Er stoppte das Projekt. Auch wenn das Anfang der 90er-Jahre erarbeitete Vorhaben "Nr. 17" des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit anderes vorsah. Was Naturschützer und mehrere Bürgerinitiativen jubeln lässt, ruft bei der märkischen Wirtschaft und Gewerkschaftern Groll hervor. Sie haben die Initiative "Weitblick Binnenschifffahrt Plus" gegründet, die den Schleusenausbau fordert. Die Initiatoren drohen mit Schadensersatzansprüchen, sollten die einstigen Pläne nicht realisiert werden. Auch die Hafenbetriebsgesellschaft Eisenhüttenstadt erwägt, sich der Klage anzuschließen. Sie alle sehen in der Verhinderung des Schleusenausbaus die Leistungsfähigkeit der Wasserstraßen in der Region eingeschränkt. Die Schleuse Kleinmachnow würde für Binnenschiffer dann zu einer Art "Flaschenhals".
Weit mehr als 100 Millionen Euro seien etwa bereits in den Hafenstandort Königs Wusterhausen geflossen, rechnet Reinhard Schuster vor. 16 hafenbezogene Unternehmen seien dort aktiv und würden derzeit rund 350 Arbeitsplätze sichern. "Vom und zum Hafen Königs Wusterhausen könnten sich in den nächsten fünf bis acht Jahren zusätzliche, vorrangig über den Teltowkanal verlaufende Verkehre mit mehr als 800 000 Tonnen Mengenvolumen ergeben", so Schuster. Mit der Entscheidung Ramsauers jedoch werde die Binnenschifffahrt in Berlin und Brandenburg zur Bedeutungslosigkeit degradiert. "Ein Supergau für die ostdeutsche Wirtschaft" sei dies, sagt auch Axel Wunschel, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg. Ökonomisch wie ökologisch mache eine Sanierung ohne Erweiterung keinen Sinn. Der derzeitige Zustand entspräche dem des Jahres 1940. Zeitgemäße Schiffe von 110 Metern Länge und größer könnten heute nicht mehr durch das "Nadelöhr Kleinmachnow" geführt werden. Nur die veraltete Flotte von "Plauer Maßkähnen" und Europaschiffen mit 82 Metern Länge könne die Schleuse passieren. Schlepperverbände seien zum aufwendigen Abkoppeln gezwungen, wenn sie durch den Schleusen-"Flaschenhals" in Kleinmachnow wollen. Unternehmen setzen deshalb eher auf die Straße oder die Schiene.
"Täglich werden mehr als 30 Millionen Liter Kraftstoff im Stau verschwendet. Das kann nicht die Lösung sein", sagt Wunschel. Zeit bedeute zudem Geld. Ein Dilemma, das Detlef Gürgens, Leiter des HeidelbergCement-Werkes in Königs Wusterhausen, kennt. Motorschiffe transportierten täglich bis zu 600 Tonnen Klinker und Hüttensand. 1500 Tonnen könnte dagegen ein einzelner Schubverband auf einen Schlag anliefern - käme er durch die Kleinmachnower Schleuse. Und es gibt ein weiteres Problem: "Banken geben Schiffseignern für kleine, veraltete und unwirtschaftliche Schiffstypen keine Kredite mehr", sagt Gürgens. "Und die Zahl der in die Jahre gekommenen Plauer Maßkähne nimmt außerdem ab."
VATTENFALL IST FÜR SCHLEUSENAUSBAU
Dem Ramsauer-Argument, dass es am notwendigen Verkehrsaufkommen auf der Wasserstrecke fehle, kann Rainer Knauber, Vattenfall-Generalbevollmächtigter für Berlin und ebenfalls Mitglied der Initiative, nicht folgen. Nicht nur, weil beispielsweise in Berlin alle Kraftwerksstandorte von Vattenfall per Wasserweg erreichbar seien. Vattenfall plane auch, künftig seinen Energiekreislauf zu verändern. Statt dem Massengut Kohle würden künftig auch mehr Biobrennstoffe transportiert. Einen Ausbau des Teltowkanals würde Lutra-Chef Reinhard Schuster deshalb befürworten. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm ist gegen den Schleusenausbau. Ihre Meinung begründet sie mit dem vergleichsweise "geringen Verkehrsaufkommen". Die Schleuse in Kleinmachnow sei nur bis zu zwölf Prozent ausgelastet und könne in ihrer jetzigen Größe deutlich mehr Transporte verkraften. Es sei auch nicht richtig, schon heute auf wachsende Verkehrsströme auf den Wasserwegen zu spekulieren. Trotz "aller bisher investierten Mittel in Milliardenhöhe im ostdeutschen Raum" sei bis heute kein nennenswertes Transport-Wachstum auf den Wasserwegen festzustellen. Das müssten auch die Initiatoren des Bündnisses für den Schleusenausbau akzeptieren, argumentiert die Grüne. BUND-Chef Burkhard Voß pflichtet Behm bei. Brandenburg produziere seit der Wende "Hafenruinen" im Dutzend. Firmen und Wirtschaftsverbände seien gut beraten, umweltgerechte "integrierte Logistikkonzepte" zu erarbeiten.
Artikel erschienen am 20.02.2011
Katrin Starke
mobil.morgenpost.de

18.02.2011: MAZ
20.02.2011: Berliner Zeitung