15.12.2010: MAZ



MITTWOCHSSPITZEN: Argumente aus Beton

Beton – es kommt drauf an, was man draus macht. Diesen Slogan aus den 90er-Jahren haben sich Lobbyisten ans Revers geheftet und touren im Namen des Fortschritts durch die Region. Wir erleben Höhepunkte logischer Argumentation. Hier eine Auswahl:
Im 15. Stock des Potsdamer Mercure-Hotels versammelten sich gestern die Freunde einer Kleinmachnower Großschleuse, schauten auf die traumhafte Havellandschaft hinab und betrieben Populärwissenschaft. Ein Gewerkschafter rechnete vor, alte Bäume betrieben weniger Photosynthese als junge. Mithin – so dürfen wir den Hinweis verstehen – seien jene alten Eichen entbehrlich, die der Kanalverbreiterung am Seeberg weichen müssten. Wir ahnen: Ein ersatzgepflanzter Robinienhain im Autobahnohr bringt klimatechnisch mehr als knorrige Nichtsnutze und hölzerne Pflegefälle am Ufer.
Auf die Schuldbewusstseinsdrüse drückte die DGB-Landeschefin Doro Zinke. Umweltschädlich sei nicht eine 190-Meter-Schleuse, sondern die Wohnform Einfamilienhaus. Gerade die dominiere aber in Kleinmachnow, habe sie bei ihrer Anfahrt feststellen müssen, tadelte Zinke. Wir kombinieren: Wer nicht im Passivhaus wohnt, darf nicht gegen eine Riesenschleuse sein, weil er selbst wider das Klima sündigt. Der Kreis der Befangenen ließe sich nach dieser Logik beliebig erweitern. Wer Rindfleisch schätzt, sollte keine Baumwichtel an Eichen binden. Raucher müssen ohnehin den Mund halten. Ganz zu schweigen von Mitmenschen, die Äpfel aus Neuseeland oder Pangasiusfilet kaufen!
Die Flughafenlobby versucht auf ähnliche Weise – mit einer Prise Sozialneid – den Protest gegen die umstrittenen Flugrouten ins Lächerliche zu ziehen: Am häufigsten säßen jene Bürger in den Business- oder Ferienfliegern, die jetzt am lautesten schrien. Heißt übersetzt: Nur wer ganztägig im Garten sitzt und fremde Länder meidet, darf sich über den Krach aufregen.
Da gefällt uns die Minimal-Verteidigungslinie besser, die Verkehrs-Staatssekretär Jörg Vogelsänger gegen Betrugsvorwürfe aufgebaut hat, die im Zusammenhang mit dem Flughafen-Genehmigungsverfahren aufgetaucht sind. In seinem Verantwortungsbereich sei der Beweis der Wahrheitsvertuschung noch nicht geführt worden, sagte er. Dürfen wir also noch hoffen?

(Von Ulrich Wangemann)
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15.12.2010

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