13.12.2008: ND



Schleuse Kleinmachnow soll nicht länger werden

Appell der Vernunft gegen den umstrittenen Ausbau am Teltowkanal vorgestellt

Von Andreas Fritsche

Unablässig rauschen Autos durch die Teltower Warthestraße, passieren die Brücke über den Teltowkanal und fahren nach Kleinmachnow hinein. Auch in der Gegenrichtung reißt die Schlange kaum ab. Das Wasser unter der Brücke kräuselt sich nur. Soweit das Auge reicht, schlägt kein Schiff eine Welle.

Trotzdem befürwortet das Potsdamer Verkehrsministerium den rund 50 Millionen Euro teuren Ausbau der Schleuse Kleinmachnow auf eine Länge von 190 Metern. Man sei generell dafür, die Wasserstraßen für mehr Güterverkehr fit zu machen, bestätigt Sprecher Lothar Wiegand.

Das verantwortliche Wasserstraßen-Neubauamt Berlin argumentiert damit, dass im vergangenen Jahr 1,1 Millionen Tonnen Güter durch die Schleuse gingen. Das habe gegenüber 2006 einem Zuwachs von 66 Prozent entsprochen.

Im Frühjahr wurde bereits die alte Stahlspundwand am Nordufer ersetzt. Sie konnte ein Abrutschen der Böschung nicht mehr sicher verhindern. Die Arbeiter erledigten den Auftrag gleich so, dass sie 2009 nicht noch einmal da heran müssen, wenn der Ausbau der Schleuse fortgesetzt wird. So hieß es vom Neubauamt, das dem Bund untersteht.

185 Meter lange Schubverbände sollen künftig in die Kammer passen. Dabei ist die nächste Schleuse in Wernsdorf bloß 115 Meter lang. Das würde auch in Kleinmachnow genügen, findet der SPD-Landtagsabgeordnete Jens Klocksin. Gemeinsam mit den Bundestagsabgeordneten Cornelia Behm (Grüne) und Katherina Reiche (CDU) stellte er am Freitag im Courtyard-Hotel direkt an der eingangs genannten Brücke einen »Appell der Vernunft« vor. Unterschrieben haben viele, darunter Karikaturist Harald Kretzschmar, Hotelmanager Jan Mul und mehrere Linksparteipolitiker, darunter Landtagsabgeordnete Anita Tack.

Man halte die Binnenschifffahrt für ein umweltfreundliches Transportmittel, heißt es in dem Appell. Dass die Schleuse saniert werden muss, sei unstrittig, ergänzt Klocksin. Doch 190 Meter seien unnötig. »Der Bedarf ist nicht da – Punkt«, sagt der Stahnsdorfer Bürgermeister Bernd Albers. Er wehrt sich dagegen, Steuermittel zu verschwenden für einen Ausbau, der in der Teltowkanalaue ein Naherholungsgebiet für 55 000 Menschen schädigen würde.

Es sollen 100 Buchen gefällt und Teile eines Landschaftsschutzgebiets abgebaggert werden, beklagt Axel Müller von der Initiative gegen den Havelausbau. Es müsste neu entschieden werden, weil sich die Annahmen des Jahres 1991 nicht erfüllten, meint die CDU-Abgeordnete Reiche. Damals klopfte der Bund das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 17 fest. Es beinhaltet den Ausbau von Flüssen und Kanälen von Magdeburg bis zum Berliner Osthafen. Die Menge transportierter Güter sei auf 1,3 Millionen Tonnen gewachsen, räumt Reiche ein. Dies rechtfertige jedoch nicht den geplanten Ausbau. Übrigens gibt es die kuriose Situation, dass für eine 115 Meter lange Schleusenkammer mehr Land verbraucht würde als für eine 190 Meter lange. Das liegt an den Kopplungsstellen, die bei einer kürzeren Kammer vorgesehen sind. Man könnte lange Schubverbände jedoch auch auf dem Wasser auseinander- und zusammenkoppeln, erklärt Klocksin. Dann sähe es wieder anders aus.Der Teltowkanal entstand in den Jahren 1900 bis 1906.

Ausgelegt wurde der Kanal zunächst für den 65 Meter langen und 8 Meter breiten Plauer Maßkahn, der bis zu 770 Tonnen transportieren konnte.

Im Zuge der Aufrüstung für den Zweiten Weltkrieg sollten auf dem Kanal verstärkt Schwerlasten der Rüstungsindustrie befördert werden. Dazu erfolgte in den Jahren 1939 und 1940 der Neubau einer 85 Meter langen und 12 Meter breiten Schleusenkammer. Diese erlaubte die Passage von Schiffen, die 1000 Tonnen geladen hatten.

2007 wurden in Kleinmachnow 4012 Güterschiffe, 123 Fahrgastschiffe und 4740 Sportboote geschleust.

Der Kanal kann heute im Ausnahmefall von 124 Meter langen Schubverbänden befahren werden.

13.12.2008: MAZ
13.12.2008: PNN